titelt die NZZ am Sonntag. Das muss ich lesen!

Reisen bildet, sagt man, Reisen erweitert den Horizont, macht Spass, entspannt. Dabei ist Reisen hochgefährlich. Ganz abgesehen von den gesundheitlichen Risiken, den Unfallgefahren {...} setzt sich der Reisende einer hohen und gemeinhin unterschätzten Wahrscheinlichkeit aus, verrückt zu werden.

Tja, so weit, so gut. Aber was bedeutet denn das? Warum schmeisst es einen unverhofft aus der Bahn?

Sehr gefährlich sind auch Kulturreisen, vor allem nach Italien. Für das Krankheitsbild, das mit übermässigem Kunstgenuss in Rom oder Florenz verbunden ist, hat sich in der Fachwelt der Begriff "Stendhal-Syndrom" eingebürgert. Stendhal, der spätere Autor von "Rot und Schwarz", reiste 1817 als 34-jähriger nach Italien, wo er beim Anblick all der Gräber, Kirchen, Gemälde und Fresken in eine überwältigende Ekstase geriet, der jedoch ein völliges Versiegen der Lebenskraft, ein "Nervenanfall", wie er es in seinen Aufzeichnungen nannte, folgt.

In dem Fall: ein Buch, das ich schon oft in der Hand gehalten hatte, aber noch nie zum Lesen auflschug. Wäre wohl an der Zeit?

Auffällig oft äussert sich das Stendhal-Syndrom in einem Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit, die bis zur Depersonalisation führen kann, oder im Gegenteil in Omnipotenz-Phantasien. {...} Warum wird man ausgerechnet beim Reisen so leicht verrückt? Reisen sind immer mit Trennungen und Verlusterfahrungen verbunden, mit der Erfahrung der Entwurzelung, Schutzlosigkeit und Einsamkeit. Damit geht oft eine psychische Regression einher: Man fühlt sich - angesichts der Sprachbarriere, der kulturellen Fremdheit, der eigenen Inkompetenz und Überforderung in der schlichten Alltagsbewältigung - wieder so hilflos wie ein Kind. Damit schwindet die Widerstandskraft; Ängste und Frustrationen, die man normalerweise leicht wegsteckt, bekommen plötzlich traumatische Dimensionen. Es ist, als ob man sich mit dem Wegfall der vertrauten Umwelt selber ein wenig abhanden komme.

Genau. Abhanden kommen. Nicht mehr greifbar sein. Das scheint den einen reizvoll, den anderen ist das ein Graus!

Häufig können durch eine Abreise auch Schuldgefühle ausgelöst werden, die frühere problematische Abnabelungen aktualisieren. Durch den Wegfall der Arbeits- und Beziehungsroutine schliesslich kann ein Gefühl der Langeweile, Leere und Sinnlosigkeit entstehen {...} Nirgends so sehr wie auf Reisen werde einem bewusst, dass die Annahme des eigenen Selbst ein fragiles Konstrukt sei, schreibt Jens Clausen in seinem Werk. "Was man als Verankerung in der Welt empfand, erweist sich in der Relation zur Fremde als nur eine (sehr begrenzte) Möglichkeit, den Wirrungen neuer Erfahrungen standzuhalten. Entscheidungen, die man getroffen, Beziehungen, die man geknüpft, Trennungen und Abschiede, die man erlebt und erlitten, das Leben, das man bisher geführt hat, alles erscheint beim Reisenden ohne bleibenden Wert angesichts der existenziellen Verunsicherung, dass der bisherige Lebensentwurf sich als trügerische Illusion der Sicherheit erweisen und das eigene Selbst gar keinen festen Wohnsitz haben könnte."

Besser könnte ich das gar nicht auf den Punkt bringen. Und es sei noch einmal klar gesagt, wir sprechen hier vom Reisen, nicht vom Tourismus, vom in die Ferien gehen. Darum ist die eigene Sicherheit - unabhängig vom Alltag - die Gewissheit, dass die eigene Vorstellung der Dinge völlig relativ ist, so wichtig und gibt einem mit dieser Erkenntnis wieder Halt.